Am 20.-21. November 2015 fand zum ersten Mal das Festival DANCE IN RESPONSE unter dem Titel „Dance and responsibility – a body in response“ am Kleinen Michel statt.
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Spannende Stille beim Tanzfestival „Dance and responsibility – a body in response“
von Marie Werthschulte

Mitten im Herzen der Metropole Hamburg hat sich beim Tanzfestival „Dance and responsibility – a body in response“ am Kleinen Michel ein stiller Raum aufgetan. Zeitgenössische Tanz- und Performance-Kunst konnte auf besondere Weise erlebt werden. Während im architektonisch eindrucksvollen Kirchenraum eine Atmosphäre der Stille und Konzentration herrschte, kamen die Künstler_innen und Besucher_innen im Foyer zum lockeren Austausch und gemeinsamer Reflexion zusammen. Die Choreographin Yasna Schindler, die seit etwa drei Jahren am Kleinen Michel Tanzprojekte initiiert, hat ihre Idee von einem ‚anderen‘ Raum für Tanz- und Performance-Kunst verwirklicht: Kunst, Kontemplation und Reflexion treffen hier aufeinander.

Zum Festival wurden sechs Künstler_innen bzw. Kollektive aus verschiedenen deutschen Städten eingeladen, um ihre Arbeiten zu zeigen und sich mit dem Thema des Festivals – Verantwortung – auseinanderzusetzen. Ihre Arbeiten reichten von Tanz und Lecture Performance über Installation bis hin zum Ritual. Ebenso vielfältig wie die Formate gestalteten sich auch die Positionen zur Frage nach Verantwortung: Die Performance-Gruppe shifts (Berlin) und die Choreographin Shan-Li Peng (Köln) näherten sich dem Thema über inter- und transkulturelle Fragestellungen, während Yasna Schindler (Hamburg) den Fokus auf Intuition und körperlichen Dialog setzte; ebenso wurden inhaltlich bezogene Themen wie das Bienensterben (Marie Werthschulte, Hamburg), die Langeweile (Nicole Annett Hartmann, Berlin) sowie Schuld und Vergebung (Richter/Meyer/Marx, Berlin) performativ aufgegriffen.

Die übergreifende Frage: “Welche Möglichkeiten habe ich als Tanz-Künstler_in und Performer_in, auf die vielfältigen Herausforderungen des Lebens und der Gesellschaft zu antworten?“, wurde im Eingangsreferat von Heike Bröckerhoff eröffnet (s.u.) und in den Publikumsgesprächen als Reaktion auf die Darbietungen erörtert. Vor und nach jeder Performance wurde eine kurze Phase der Stille im Kirchenraum eingehalten, um dem Publikum die Möglichkeit zu geben, sich einzustimmen bzw. dem Erlebten nachzusinnen und -spüren. Dieser „offene Raum der Stille“, sowie die große Bühne im Zentrum des eindrucksvollen, dennoch schlichten Kirchenraums mit seinen hohen geschwungenen Decken, eröffneten eine andere Dimension der Erfahrbarkeit der dargebotenen Performances.

Helmut Röhrbein-Viehoff, der Pastoralreferent am Kleinen Michel, deutete in seinem Impulsvortrag auf die Gemeinsamkeit von Kunst und Religion hin: Beides seien „Unterbrechungen“. Performance-Kunst lasse einen zweckfreien Spiel-Raum entstehen, in dem Alltag, Sehgewohnheiten und eingefahrene Muster unterbrochen und neue Wirklichkeiten erprobt werden können. Auch Religion, zumindest in der jüdisch-christlichen Tradition, stehe für Unterbrechung im Sinne einer Kritik: „Sie stellt das Bestehende in Frage und entwirft eine andere, eine größere Wirklichkeit.“

Die Kirche als Spielstätte hielt ein außergewöhnliches Setting bereit, dennoch war das Festival konfessionsungebunden organisiert. Hier stand vor allem die Kunst im Vordergrund, sowie Offenheit, Neugier und Lust auf mehr.

Auszug aus dem Impulsvortrag von Heike Bröckerhoff:

„[…] Inwiefern hat Verantwortung etwas mit antworten zu tun? Dieser Frage geht der jüdisch-französische Philosoph Emmanuel Lévinas (1905, geboren in Litauen, gestorben 1995 in Paris) nach. Er formuliert eine Ethik, die aus der Begegnung mit dem Anderen entspringt, also aus der zwischenmenschlichen Beziehung. Der Andere, sagt er, ist vor mir da und darum wichtiger als ich. Ich sehe, dass er mich ansieht. In seinem Antlitz (im franz. visage, Gesicht), in seiner äußeren Erscheinung zeigt sich eine unendliche Fremdheit. Ich kann ihn nicht verstehen, nicht besitzen, diesen anderen. Lévinas schreibt davon, dass dieses Gesicht spricht und in dieser Ansprache geht es um seine Verletzlichkeit. Dabei müssen wir uns ein Sprechen ohne Worte vorstellen. Das Antlitz ist vielmehr eine Art präsent zu sein. Es ist nackt. Im Antlitz zeigt sich die Verletzlichkeit des Anderen und diese zwingt mich in die Verantwortung. Den anderen anzunehmen, ihm einen Platz einzuräumen. Diese Verantwortung ist die Unmöglichkeit diesen anderen zu verlassen, einfach stehen zu lassen (abandonner im franz.) Das Antlitz spricht eine besondere Sprache, es sagt nichts verständliches, nichts bestimmtes. Aber es spricht zu mir. Darauf antworte ich. Diese Verantwortung bedeutet kein passives Dulden des Anderen. Es ist vielmehr eine Handlung, es bedeutet etwas zu tun. Vielleicht können wir Verantwortung verstehen als Antwort auf die Verletzlichkeit des Anderen. […]“

Photo by René Menges. Performance “Absolution” by Richter/Meyer/Marx.